Meine Erfahrung in einer psychosomatischen Klinik – Teil 1

 

“Und wenn die Klinik nichts für Sie ist, dann nehmen Sie das einfach als Urlaub.”

– meine Therapeutin, irgendwann Anfang des Jahres. 

 

Ah…. jaaaah. Nein.

In diesem Post geht es um meinen Aufenthalt in der Schön Klinik Bad Bramstedt. Um die Mitpatient:innen, die Therapie und die Achterbahnfahrt, die dieser Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik für mich bedeutet hat. Und warum diese Zeit für mich so ziemlich das Gegenteil von Urlaub war.

 

Ich vor dem Klinikgebäude

Warum Klinik?

Tja. Ich konnte nicht mehr. Nach zwei Jahren Kampf, nachdem die Symptome mit dem Umzug nach Hamburg so stark wurden, hatte ich nur noch den Wunsch, aufzugeben. Es ging nicht mehr. Jeden Tag habe ich mich gefragt, wie mein Körper das eigentlich noch aushält, dieses „Funktionieren“. Jeden Tag ging ich mit dem Gedanken ins Bett „Wieder ein Tag geschafft“. Freuen konnte ich mich auf überhaupt nichts mehr. Und dann gab es da noch meine Therapeutin, die mir sagte, „So kann es nicht weitergehen“. Hatte sie recht.

Und in der Klinik kam ich ganz einfach aus dem Alltag heraus, der mir so lang schon so schwer fiel.

Abgesehen davon: So “offen”, wie ich mich stellenweise gefühlt habe, hätte ich es gar nicht geschafft, mich mit dem Alltagsgeschehen zu beschäftigen, geschweige denn, arbeiten zu gehen und Verantwortung für ein Publikum zu übernehmen. Es war schwierig genug, für mich selbst die Verantwortung zu übernehmen.

 

Das Ankommen 

Am 04.08.20 war es soweit. Mein Aufnahmetermin in der Schön Klinik Bad Bramstedt. Ich sollte um 9 Uhr da sein. Und ja. Corona-bedingt lief wahrscheinlich nicht alles so, wie es sonst üblich ist. Das weiß ich nicht, denn es war mein erster Klinikaufenthalt.

Als erstes musste ich einen Corona-Test machen und dann den gesamten Tag auf meinem Zimmer bleiben. Schon die erste Herausforderung. Ich bin an einem neuen Ort, kenne noch rein gar nichts und niemanden und darf nicht raus. Die Gedanken fahren Vollgas – gerne auch gegen Wände – denn man ist ja aufgeregt. 

Ich habe einfach viel geschlafen an jenem ersten Tag, der mir gerade Jahre her vorkommt. 

Abends wurde ich dann angerufen, ich dürfe das Zimmer verlassen, der Corona-Test sei negativ. 

Wer mich kennt, mag nicht glauben, dass ich schüchtern bin – aber so ist es. Es war recht schwierig, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Aber dank der netten Mitpatient:innen auf Station F3 blieb mir gar nichts anderes übrig. Schon an Tag 2 wurde ich vollends in Disziplin 1 der “Klapsen- Olympiade”(auf meinen Mist gewachsener Neologismus) eingebunden – das Puzzeln.

Erste Termine fanden statt, Aufnahmeuntersuchungen, Erstgespräche mit meiner Bezugstherapeutin, eine Rundführung durch die Klinik und ich musste viele, viele Fragebögen ausfüllen. 

Und dann kam Tag 3: zweites Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin:

Sie habe das im Team besprochen, sie würde mir raten, die Station zu wechseln. Die Depression sei nur ein Schutzmechanismus, die wirklichen Probleme lägen in einem anderen Bereich, und sie könnte mir nur meinen Schutzmechanismus wegnehmen. Nur, das wäre nicht klug. 

DER STATIONSWECHSEL

Also gut. Eine Woche später: Koffer zumachen (ausgepackt hatte ich ihn noch nicht), Wagen beladen, meine liebe Puzzle-Crew verlassen und auf den Weg zur F4 – zu den komplett Bekloppten. Das Einleben ging wieder von vorne los. Diesmal noch zusätzlich verwirrt, weil ich mich mit der Diagnose “emotional instabile Persönlichkeitsstörung” erstmal bekannt machen musste.

Moin, ich bin Anna, Borderline-Betroffene. Und nein. Es ist ein großes Vorurteil, dass die Frage nach der Diagnose in der Klinik als erstes gestellt wird. Tatsächlich sind die Leute da sehr sensibel und fragen frühestens nach den ersten zwei Gesprächen etwas zögerlich nach. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass in Bad Bramstedt die Stationen schon nach Therapieschwerpunkten aufgeteilt waren. Wer weiß?

Aber auch auf der neuen Station war das Einleben einfacher als gedacht. Man kam ins Gespräch und es stand außer Frage, dass man sich untereinander unterstützt und es sich leicht macht, anzukommen. 

So vergingen die ersten Wochen.

Ich lernte meine neue Bezugstherapeutin kennen und meine Mitpatient:innen auf der Station, machte mich mit meiner neuen Diagnose bekannt und begann zu verstehen, warum es wahrscheinlich gut war, dort gelandet zu sein. Nach 3–4 Wochen hatte ich sämtliche “Informations-” und “Störungsbild-verstehen-Kurse” durch und fühlte mich angekommen, wie man so schön sagt. Ich fühlte mich wohl und geborgen und dachte, ab jetzt wird es ganz einfach.

Pah!

Und dann ging es mit der Achterbahn ganz schön tief bergab. Therapie ist Arbeit. Und wenn ich das so sage, hätte ich am liebsten drei Gastspiele an drei aufeinanderfolgenden Tagen betreut, statt in den Untiefen meiner Psyche herumzuwühlen. Erst gewöhne ich mich ein, fühle mich „angekommen“ auf der Station, da geht die Achterbahn nach oben. Und dann – ich wähnte mich in Sicherheit – wurde es hart. Heftig wie noch nie. Doch ich war nicht allein. Das Team war da, und die Mitpatient:innen. Sie alle versuchten, mich aufzufangen. 

Die Mitpatient:innen in der Klinik

Bevor ich in die Klinik kam, hatte ich keine Vorstellung davon, wie es ist, sich mit anderen Personen die Station, quasi das “Zuhause” zu teilen. Ich fragte mich, ob man sich nicht ständig triggert, das Spiel “Wem-geht’s-am-schlechtesten” gespielt wird oder ob die anderen lieber gar nichts mit mir zu tun hätten. Am Anfang blieben einige meiner Kontakte von der ersten Station, langsam kamen auch Leute von der neuen Station zu meinem “Klinik-Freundeskreis” dazu. Und auch Leute von völlig anderen Stationen. 

Und ganz ehrlich: Das war gut so. Sehr selten steht dir eine:r der Mitpatient:innen irgendwie im Weg (das ist zumindest mein Eindruck). Ich konnte eigentlich immer jemanden in der Sitzecke ansprechen, wenn ich Redebedarf hatte oder einfach nur mal entspannen wollte. Dann ging ich mit jemandem spazieren, spielte Uno oder Skip-Bo oder schaute einen Film über Disney+. Das war eines dieser witzigen Dinge, der Account bei Disney+ gehörte einer Mitpatientin, die gar nicht mehr da war, war aber egal. Ihr. Und uns auch.

Das einzige, was ich schwer fand, waren die Vergleiche, die sich schon ab und an einschlichen. Nicht bei anderen, sondern bei mir. Wenn es Flashback- Situationen oder Panikattacken gab oder wenn mir jemand seine Geschichte erzählte. Da dachte ich oft: 

“Reiß dich doch zusammen, so schlecht geht es dir doch wirklich nicht. Die anderen haben viel Schlimmeres erlebt… usw., usw.”

Aber das wollen die anderen ja nicht. Das war ja wieder etwas, das sich im eigenen Kopf abspielte. Etwas, was ich auf dem Weg auch bearbeiten musste. Selbstannahme. 

Die Therapie

Die Therapie auf der neuen Station folgte generell einer gewissen Struktur, da die Station mit dem DBT-Konzept arbeitet. DBT steht für dialektisch-behaviorale Therapie. Das hilft jetzt wahrscheinlich auch nicht weiter. “Behaviorale Therapie” steht einfach für “Verhaltenstherapie”. “Dialektisch” wurde uns immer als “ausgleichend” übersetzt. Wir sollten ein Gleichgewicht zwischen “Akzeptanz” und “Veränderung” finden. Kleine Schritte gehen und nicht alles auf einmal wollen.

Die DBT wurde von der Amerikanerin Marsha M. Linehan entwickelt, die selbst von der Borderline-Störung betroffen ist. 

In der Gruppe haben wir folgende Bestandteile der Therapie gemacht: 

  • Achtsamkeit
  • Zwischenmenschliche Fertigkeiten (Interaktionsgruppe)
  • Umgang mit Gefühlen
  • Stresstoleranz 
  • Selbstwert bzw. Selbstakzeptanz

Ich selbst habe an der Achtsamkeits-, der Stresstoleranz- und der Emotionsgruppe teilgenommen. Zur Stresstoleranzgruppe findet ihr auch hier auf Instagram einen Post zu den Inhalten. Wenn ihr noch mehr zu den Therapieinhalten lesen möchtet, schreibt es mir gerne, ich denke nur, der Post hier sprengt schon ziemlich den Rahmen, und von „Teil 2“ habe ich bisher nur die Struktur erarbeitet. Das Klinikthema ist einfach auch für mich persönlich ein sehr umfangreiches, da könnte ich wahrscheinlich ein Buch drüber schreiben.

Es gab natürlich auch Einzelpsychotherapie, zwei Stunden, insgesamt 100 Minuten in der Woche. Da haben wir dann biografisch gearbeitet, ein Störungsmodell erstellt (Was waren die aktuellen Auslöser der Krise? Was sind meine Grundüberzeugungen, die die “krankhaften” Mechanismen aufrechterhalten?) und aktuelle Situationen besprochen. 

Damit man auch schön beschäftigt blieb, gab es noch die Zusatztherapien. Bei mir waren das Kunsttherapie, Bewegungstherapie, Laufgruppe, Biofeedback und Massage.

Der Tagesablauf

Ergänzt wurde diese Therapiestruktur durch einen Tagesablauf, der immer wieder von festen Routinen gestützt wurde. Dazu zählten die Visite, die Medikamente schön 5 km entfernt abzuholen (nein, Scherz, das war im Erdgeschoss), Frühstück, Mittag- und Abendessenszeiten, feste Ruhezeiten nachts und Protokolle, die wir Patient:innen jeden Tag ausfüllen mussten.

All diese Termine wurden vom Behandlungsplan organisiert, den man jede Woche in seinem Fach auf der Station fand. Dieser Plan ließ aber auch noch Zeit für Spaziergänge, freie Abende oder einfach mal für ein Mittagsschläfchen, denn das brauchte ich wirklich häufiger.

 

Der Blick aus meinem Fenster der Klinik

 

Ich denke, das war’s jetzt vorerst. Ein Teil 2 ist allerdings schon in Planung. In diesem stehen dann noch die Themen „Erholung und Freizeitgestaltung“, „Meine Tipps“ und „Wie ich mich gefühlt habe“ an.

Außerdem könnte ich Fragen beantworten, die ihr zu den Therapien oder diesem ersten Teil habt. Schreibt mir dazu gerne einen Kommentar, nutzt das Kontaktformular oder schickt eine Nachricht auf Instagram.

Danke.

3 thoughts on “Meine Erfahrung in einer psychosomatischen Klinik – Teil 1

  1. Liebe Anna,
    ich bin sehr beeindruckt von deinem blog und besonders diesem Eintrag. Ich bewundere dich für deine Offenheit und Ehrlichkeit. Ich drück dich von weitem. Eva

    1. Oh danke 🙂 Da ist die Zurück-Umarmung ja sogar Corona-Conform 🙂
      Ich hoffe, bald hat der Spuk ein Ende und ich kann mal wieder nach MS kommen.

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