Mein Weg in den Theaterberuf

 

Theatertechnikerin? Lassen Sie mal, da finden Sie sowieso keinen Ausbildungsplatz, schon gar nicht als Frau.

 

Ja. Etwas in der Richtung habe ich damals gehört. Eine Firma, der ich eine Bewerbung auf einen Tischlerei-Ausbildungsplatz schickte, reagierte sogar mit den Worten: „Leider können wir Sie nicht einstellen, denn wir haben nur Männer-Toiletten.“

In diesem Post geht es darum, wie ich trotz alldem meinen Weg in den Beruf als Veranstaltungstechnikerin fand, wie das Theater in mein Leben kam und wie es ist, sich gegen einige gesellschaftliche Normen zu stellen und zu versuchen, den eigenen Weg zu gehen. Und wie es sich anfühlt, als Frau in einem „Männerberuf“ zu arbeiten.

Mein Schulabschluss und die Entscheidung: Studium oder Ausbildung?

Meine Schullaufbahn fing, glaube ich, 1999 an, als ich in die Vorschule kam. Warum ich damit anfange? Ich glaube, das ist wichtig. Eine Vorschule in dem Sinne, wie ich sie damals besuchte, gibt es kaum noch. Sie sollte dazu dienen, Kinder, die noch nicht „reif genug“ für die Grundschule waren, spielerisch auf den Wechsel des Lebensabschnittes vorzubereiten. Da ich 1992 ca. drei Monate zu früh geboren wurde und ein sehr schüchternes Kind war, wurde ich auf so eine Schule geschickt.

Danach ging es in die Grundschule, dann auf die Realschule. Ich weiß noch, dass alle, wirklich ALLE Mädchen aus meiner Klasse nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln durften, außer mir. Dabei hatte ich nicht mal schlechtere Noten. Ich glaube, die Lehrer waren sich einfach unsicher, ob ich „schüchternes Ding“ nicht auf einem Gymnasium überfordert wäre.

Ich ging also auf die Realschule, machte dort Mobbingerfahrungen und hatte oft Angst, nicht gut genug zu sein. Dabei schrieb ich an sich gute Noten.

Das liebe Selbstvertrauen

Meine Mutter hatte in den ersten Monaten oder Jahren nach meiner Geburt den Satz gehört: „Geben Sie sich mal nicht so eine Mühe, das Kind wird eh ein Fall für die Sonderschule.“ Das hat sie natürlich einigen Leuten erzählt, und auch ich habe das mitbekommen. Meine Eltern haben mich immer unterstützt und ich bin mir sicher, dass sie nie an meinen Fähigkeiten gezweifelt haben. Aber der allgemeine Tenor, dass mir wenig zugetraut wurde, schlich sich doch irgendwie in mein Leben.

Ich wollte den Leuten beweisen, dass ich eben DOCH KANN, dass ich kein „Fall für die Sonderschule“ bin. Und doch gab es da dieses Selbstvertrauen, das nicht so gestärkt war, wie es sein sollte. Immer die Ängste, nicht gut genug zu sein. Sie konnten noch so oft widerlegt werden, jedes Ereignis, das mir zeigte, dass ich eben doch nicht gut genug war, wog um Tonnen schwerer.

Deshalb wusste ich in Richtung Schulabschluss auch nicht so recht, was ich tun sollte. Für eine Ausbildung fühlte ich mich nicht entschlossen genug. Ich wusste nur schon, dass Technik mich irgendwie fasziniert. Also entschied ich mich fürs technische Gymnasium. (ca. fünf Jahre später hört man mich nur noch so Dinge sagen wie „Ich hasse Technik“ und „Warum?!“, aber das gehört wohl zum Job dazu…)

Die Zeit dort war eine sehr gute für mich. Ich hatte Freund:innen und Lehrer:innen, die mich unterstützten. Ich konnte das erste Mal mit jemandem über meine Sorgen reden, der nicht zu meiner Familie gehörte, und das war sehr wertvoll. Am Ende dieser drei Jahre, 2013 also, stand die nächste Entscheidung an. Ich hatte mein Abi, ein ziemlich gutes sogar, mit einem Schnitt von 2,0. Ich hätte studieren können, aber ich hatte mich schon für eine Ausbildung entschieden (dazu gleich mehr). Einige Leute fragten mich, warum ich nicht studiere, mit so guten Noten MÜSSTE ich das ja wohl tun. Zum Glück hatte ich meine Ausbildungsstelle da schon in der Tasche.

Heute frage ich mich manchmal rückblickend, ob es an meinem geringen Selbstvertrauen lag, dass ich ein Studium nie in Betracht zog. Daran, dass mir zu Beginn meines Lebens so wenig zugetraut wurde. Ich weiß es nicht, aber ich ich bin trotzdem stolz, diesen Weg gegangen zu sein. Dann so richtig gesellschaftskonform war der sowieso nicht. Ich musste meinen eigenen Weg finden. Zum ersten Mal.

 

Anna steht am Elbstrand im Wasser und schaut auf die Kräne des Hamburger Hafens
Der Theaterberuf brachte mich schließlich nach Hamburg.

 

Wie ich auf den Beruf „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ kam

Es gibt eine recht lustige Geschichte darüber, wie ich eine Ahnung bekam, dass es überhaupt Technik- Jobs beim Theater gibt. Eines Tages kam mein Vater nämlich von seinem Automechaniker zurück und erzählte von dessen Tochter, die im Set-Bau beim Film arbeitete. Das fand ich superspannend und beim nächsten Mal durfte ich mit zum Mechaniker, um ihn danach zu fragen. Hat sich rausgestellt, dass mein Vater das falsch verstanden hatte und diese Frau gar nicht im Set-Bau arbeitete. Aber damit war der Samen gesät. Ich glaube, noch in diesem Sommer fing ich an, nach einem Praktikumsplatz im Theater zu suchen.

Ansonsten bin ich, glaube ich, tatsächlich ein bisschen meinen Leidenschaften gefolgt. Schon als kleines Kind stand ich staunend neben meinem Onkel, während der eine Küche aufbaute. Ob ich nur mit offenem Mund dastand oder gleich helfen wollte, weiß ich nicht mehr. Ich fand einfach toll, etwas mit den Händen zu machen und zu sehen, wie etwas Neues entsteht. Ich glaube, als ich ungefähr 13 Jahre alt war, sind wir dann mit der ganzen Familie zur Freilichtbühne nach Tecklenburg gefahren. Dort haben wir das Musical „Les Misérables“ geschaut. Wieder ein Schlüsselerlebnis. Denn:

Ich liebe es seit ich denken kann, in Buchwelten zu verschwinden, mich einsaugen zu lassen von Geschichten, Orten und Charakteren. Und als ich da saß, in den Zuschauerreihen – klappte dieses Verschwinden in einer anderen Welt auch ohne Buch. Ich verstand nicht, worum es ging. Musste mir in der Pause von meiner Mutter die Grundzüge der französischen Revolution erklären lassen, aber das war egal. Ich war da. In diesem Moment. Dieser Magie. Das „Theater“ hatte mich verzaubert.

Berufsberatung, Praktika und Ausbildungsplatz

Auf dem Gymnasium hatten wir einen ganz blöden Berufsberater. Wie vor ihm schon andere, wollte er mich zum Studieren überreden. Aber damals war ich immerhin soweit: Ich wusste, was ich wollte. Ich wollte eine Ausbildung im Theater machen.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich in den Schulferien bereits ein Praktikum im Wolfgang-Borchert-Theater in Münster gemacht. Eine Woche lang hatte ich in den Herbstferien Bühnenwände mit Jute und Strohstoff bespannt, Bühnenbilder auf- und abgebaut und ein paar kleinere Requisiten fürs Kinderstück gebastelt. Ich wusste, was ich wollte.

Ich sagte dem Berufsberater das. Und ich stattete der Technischen Leiterin des WBT noch einen Besuch ab, mit der Frage, welche Ausbildungsberufe es am Theater gibt. An diesen Tag kann ich mich sogar heute noch erinnern, an ihr damaliges Büro und wie sie mir am Ende unseres Gespräches vorschlug, mich doch auf die Ausbildungsstelle „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ zu bewerben.

Ich wollte nicht nur eine Bewerbung abschicken und ging wieder zum Berufsberater. Der sagte: „Veranstaltungstechnik? Sie? Da bekommen Sie sowieso keinen Job. Schon gar nicht als Frau. Werden Sie mal lieber Tischlerin.“

Da ich doch noch sehr beeinflussbar war, schrieb ich Bewerbungen an Veranstaltungstechnikstellen und Tischlereien. Absagen bekam ich zum einen wegen meiner Schüchternheit bei Vorstellungsgesprächen oder wie oben schon erwähnt, weil eine Tischlerei keine Frauentoiletten hatte. Sehr verrückt. Und dann. Kam die Zusage vom WBT. Ich würde eine Ausbildung machen. In der Technik. In der Veranstaltungstechnik. Im Bühnenbau. Mein Gott, war ich aufgeregt. So aufgeregt, dass ich nicht einmal daran dachte, noch einmal zum Berufsberater zu gehen und ihm die Zunge rauszustrecken.

Als Frau in einem „Männerberuf“

Es gab drei Frauen in der Technik im WBT: die technische Leitung, eine Aushilfe (wobei ich nicht finde, das dieses Wort dieser wunderbaren Person gerecht wird) und dann schließlich mich. Wir hielten zusammen, ich hielt mich erstmal an die beiden, bis ich merkte, dass nicht jeder so dachte wie der damalige Berufsberater. Manchmal wurde ich von diesem einen Kollegen aufgezogen, aber ich mochte ihn und merkte auch schnell, dass er irgendwie alle aufzog. Dass das seine Art war. In Ordnung ist das vielleicht nicht gewesen, aber damals machte es mir nichts aus. Ich lebte im Grunde mit diesen Vorurteilen und tue es auch heute noch. In einer Männerdomäne zu arbeiten, lässt eine mit der Zeit etwas abstumpfen. In meiner Berufsschulklasse war ich die einzige Frau, aber ich gewöhnte mich daran.

Und mittlerweile machen auch mehr Frauen diese Ausbildung. Als ich nach meiner Ausbildung eines Tages feststellte, dass ich weniger verdiente als mein Kollege, der die gleiche Arbeit machte, habe ich mich gefragt, warum das so ist. Ich hab keinen sinnvollen Grund gefunden. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und bin zu meinem Chef gegangen. Ich sagte ihm, dass ich die selbe Arbeit mache wie mein Kollege und dann auch gefälligst dasselbe verdienen möchte. Und das wurde angenommen.( Ich weiß, das ist leider immer noch nicht selbstverständlich. Aber möglich!)

Ein großer Schritt war für mich auch mein Abschlussprojekt, bei dem ich ein Gastspiel in einem Stadttheater betreute, in dem ausschließlich Männer arbeiteten. Ich hatte Sorge, sie würden mich nicht ernst nehmen, keinen Anweisungen von mir Folge leisten. Ich hatte das Glück, ohne weiteres respektiert und akzeptiert zu werden. Ich glaube aber auch, dass ich mir das erarbeiten musste. Immerhin tourte unser Theater schon seit Jahren in diesem Stadttheater und ich war schon viele Male da gewesen.

Und heute?

Inzwischen fühle ich mich in meinem Bereich weitesgehend respektiert. Ich arbeite zwar inzwischen in dem wohl frauenfreundlichsten Theater Hamburgs, aber auch mit Fremdfirmen habe ich keine Probleme mehr. Mein Selbstvertrauen, ja. Das macht mir noch oft Probleme. Und je größer das Selbstvertrauen ist, desto besser kann man es schaffen, möglicherweise diskriminierenden Kommentaren etwas entgegenzusetzen.

Trotz meiner positiven Erfahrungen ist es wichtig, Diskriminierung in technischen Berufen abzubauen. Viele Frauen verdienen immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen oder werden nicht ernstgenommen. Ich hatte viel Glück, aber natürlich ist das in jedem Theater anders. Es ist wichtig, aufmerksam darauf zu machen, wenn man z. B. weniger verdient oder das Gefühl hat, von männlichen Kollegen nicht ernst genommen zu werden. Ich für meinen Teil bin da vielleicht nicht besonders gut drin, war ich doch eher immer die, die einfach „aushält“ bzw. alles auf sich bezieht. Aber mittlerweile weiß ich, was ich kann, und dass es unabhängig davon ist, welches Geschlecht ich habe. Und ich versuche darauf zu achten, niemandem wegen irgendwelcher Vorurteile zu schaden. Denn das möchte ich ja auch nicht. Ich bin auf meinem Weg in den Job einigen Vorurteilen begegnet, habe auch selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht, und möchte das anderen nicht aufbürden.

 

Im Saal des wohl frauenfreundlichsten Theaters

 

Fazit

Insgesamt bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Ich konnte schnell mein eigenes Geld verdienen – ein gutes Gefühl – und habe Schritt für Schritt gelernt, mehr Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen. Ich konnte erfahren, dass mir Teamarbeit gut tut, und vor allem, dass ich selbst entscheiden darf, welche Richtung ich meinem Leben geben möchte. Lange Zeit fühlte ich mich fremdbestimmt, ausgeliefert. Und die Ausbildung anzufangen, war ein wichtiger Schritt dahin, einfach selbstbestimmter zu sein.

Ich konnte lernen, dass ich etwas kann, dass ich mich in einem Team durchaus wohl und zugehörig fühlen kann und dass es mehr gibt als meine psychischen Erkrankungen, die mich damals schon begleiteten. In vielerlei Hinsicht war das einfach der Beginn eines neuen Lebens, um es mal ganz dramatisch auszudrücken. Ich fühle mich nicht immer vollkommen wohl mit meinem Job, jetzt zum Beispiel, wo so wenig „echtes Theatergefühl“ aufkommt und die Selbstzweifel so viel Platz bekommen. Aber im Grunde genommen weiß ich doch immer wieder, dass ich mich für das Richtige entschieden habe.

Wie ist das bei euch? Habt ihr euch einen Job ausgesucht, der zu euch passt? Habt ihr mit gesellschaftlichen Normen und Grundannahmen zu kämpfen gehabt und fühlt ihr euch wohl mit dem, was ihr tut?

Schreibt mir gerne in die Kommentare, oder eine DM bei Instagram, wie ihr mögt. Dieser Blogpost hat wieder länger gedauert, durch die Wiedereingliederung hatte ich wenig Zeit und gleichzeitig hatte ich Angst, dass mein Text einfach nicht gut werden KANN. Aber ich glaube, man muss sich einfach eines besseren belehren, statt sich totzustellen. Nicht wahr?

Wenn ihr noch weiteres zum Thema Theater lesen möchtet, schaut mal hier und hier. Ansonsten lesen wir uns hoffentlich bald wieder hier. Auf, dass der nächste Post keine 6 Wochen auf sich warten lässt 🙂

Danke.

 

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